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Dichterspiel – Beiträge

 

bisherige Gewinner

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zum aktuellen Dichterspiel

 

Wie meist, haben wir uns auch bei der Auswertung der 9. Runde des Dichterspiels in zahllosen Diskussionen, Debatten und Meinungsverschiedenheiten mit den vielen wundervollen Gedichten auseinandergesetzt. Klar ist, dass nahezu alle Beiträge eine Auszeichnung verdient hätten. Viele der Gedichte, die nicht auf den Plätzen eins bis drei gelandet sind, waren in der engeren Auswahl. Wer also das Gefühl hat, dass sein Werk eine Prämie verdient hätte, mag dabei ganz richtig liegen. Die Einschränkung auf eine Top 3 ist immer ungerecht. Gerechtigkeit schaffen wir nur dadurch, dass wir vor der Auswertung alle Beiträge anonymisieren.

Die Reimpaare der neunten Runde haben viele Dichterinnen und Dichter angeregt, verstärkt auf folgende Themen einzugehen: Beziehungen unter Zahnärzten, Selbstmord, Unfälle an der Brücke, Gedächtnislücken und Obdachlosigkeit. Den ersten Platz teilen sich zwei Gedichte, die auf unterschiedliche Weise beeindrucken:

Das sehr gelungene Gedicht von Marcus Coesfeld beschreibt eindringlich, dass der Krieg seine Opfer zufällig wählt. Die Angriffswelle einer Kriegspartei richtet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern gegen das Leben im Allgemeinen. Coesfeld stellt den Krieg ohne erhobenen Zeigefinger als die ständige und umfassende Bedrohung dar, die er immer ist. Was den Menschen wichtig ist — Familie, Beisammensein, der normale irakische Tag am Fluss — wird mit einem Mal zerstört. Der Krieg hinterlässt nichts als den Krieg.

Versophilus Hamsterrad hat uns mit Versen überzeugt, die sich von allen anderen Ideen durch das anspruchsvolle Thema abheben. Vielleicht wirken seine Verse auf den einen oder anderen Leser ein bisschen arg schlau, aber solche Recherche darf auch belohnt werden. Der Autor beschreibt einen Erklärungsansatz der Quantenmechanik, der besagt, dass sich Objekte aus der Quantenwelt in manchen Fällen nur als Wellen, in anderen als Teilchen beschreiben lassen. Es hat diese knifflige Aufgabe innerhalb der vorgegebenen Reimpaare gemeistert, und damit landet auch sein Beitrag verdient auf Platz 1. Dann hat uns „Hamsterrad“ gebeten, den Wert des auf ihn entfallenden Büchergutscheins in Höhe von 11,11 Euro an das DRK, die Johanniter oder den Malteserorden zu spenden. Wir haben den Betrag am 18. Januar 2009 daher an das Deutsche Rote Kreuz überwiesen.

Unter den Top 10 befinden sich viele Gedichte, die uns eine Geschichte erzählen. „Eine Lücke zur rechten Zeit“ findet zum Beispiel die kleine Maus, die vor dem Tatzenschlag der Katze davonsaust und gerade noch rechtzeitig unter dem Teppich verschwindet. Die Dynamik dieser Szene fängt das gleichnamige Gedicht schön ein, weshalb einen guten zweiten Platz verdient hat.

Ebenso gut können wir uns das bittere Erwachen nach nur einer Nacht des Beisammenseins vorstellen, welches uns Birgit Croonenbroeck beschreibt. Das Gedicht auf Platz 3 geht gekonnt darauf ein, wie in fremder Umgebung eine böse Ahnung von dem entsteht, was man nicht mehr genau genug erinnert.

 

Spiel Nr. 9 

Gespielt wurde von Januar 2007 bis Dezember 2008.
Reimpaare: Schlag – Tag und Welle – Stelle und Brücke – Lücke

 

Platz 1a

Dichter/in: Marcus Coesfeld

Ausrutscher

Es war ein ganz normaler irakischer Tag
als Fatima zur Oma ging über die Brücke.
Da änderte sich ihr Leben mit einem Schlag,
denn sie verlor es, doch hinterließ sie keine Lücke
in ihrer Familie, denn auch die starb auf der Stelle
als Ausrutscher der feindlichen Angriffswelle.

 

Platz 1b

Dichter/in: Versophilus Hamsterrad

Fiat Lux!

Licht leuchtet, sowohl als Teilchen, als auch als Welle;
Bildet also zwei Zustände an gleicher Stelle...
Wo gibt es denn hier eine verbindende Brücke?
Dualismus als Einheit ohne jede Lücke?
Wie trifft einen hier jemals der erkennende Schlag?
Ach Höchstes, wie schön, dass Du dich kümmerst um den Tag!

 

Platz 2

Dichter/in: CarpeDiem

Eine Lücke zur rechten Zeit

Eine Maus wurde gehetzt über eine Brücke,
die Katze im Rücken kam sie zu einer Lücke,
erfreut ob des Glücks an diesem Tag,
sprang sie, enteilend dem üblen Tatzenschlag,
ritt unten auf einem Streichholz durch die Welle,
verfolgt von bösen Katzenaugen — die steckten fest an dieser Stelle.

 

Platz 3

Dichter/in: Birgit Croonenbroeck

Eine Nacht nur

Fremden Orts ich aufgewacht, traf mich jäh der Schlag.
Glaubte noch zu träumen, doch die Nacht wich jäh dem Tag.
Die Erinnerung ist unvollkommen, gleicht einer schwarzen Lücke.
Augen wandern, suchen, doch der Verstand formt keine Brücke.
Ein Blick nach links, kaum seh ich dich, erfasst mich eine Welle.
Schweiß, Panik, wer bist du? Egal, nur weg hier, auf der Stelle.

 

 

 

Plätze 4 bis 10 (alphabetisch sortiert)

Dichter/in: Andreas Oedingen

Die Heimfahrt des Fischers

Der Fischer rudert Schlag um Schlag,
Draußen im Meer verbringt er seinen Tag.
Mit dem Untergang der Sonne verlässt er seine Stelle,
doch auf dem Heimweg erwischt ihn eine Welle.
Um Hilfe schreiend kollidiert er mit 'ner Brücke,
zu Hause hinterlässt er eine große Lücke.

 

Dichter/in: Kim

Ferne Beziehung

Ich in Bayern, du in Berlin — ein einsamer Sommertag,
ich wollte füllen die deutsch-deutsche Lücke,
und so ging es Sahneschlag um Sahneschlag:
bald baut ich eine zuckerleichte Luftbrücke,
und schickte gleich und auf der Stelle,
nach Berlin ein ganzes Blech mit Donauwelle.

 

Dichter/in: Olili

Obdachlos.

Ich wache auf und hör den Schlag,
ich hör ihn schon den dritten Tag.
Er kommt wie eine Donnerwelle —
ich rühr mich nicht von meiner Stelle,
verkriech mich schnell in einer Lücke
hier unter der bebenden Autobahnbrücke.

 

Dichter/in: Sir Simon

Szenen einer Ehe

Was kräftig saß, das war ihr Schlag,
bis dahin liebten wir uns jeden Tag.
Zumindest fast. Doch übersah ich, doof, die neue Dauerwelle.
So schlug sie zu. Auf welche Stelle?
Kurz: ich brauche da jetzt eine Brücke.
Wo vorher Zahn, klafft seitdem eine tiefe Lücke.

 

Dichter/in: Zeitloser

Umzug eines Obdachlosen

Heute war kein guter Tag,
schlurfend such ich eine neue Stelle,
denn mein Schlafplatz unter jener Brücke
wurde Opfer einer großen Welle.
Zwischen Müll in einer Lücke
bau ich jetzt meinen neuen Wohnverschlag.

 

Dichter/in: Habba

Und tschüs!

Nun ist sie da, die Stunde mit dem berühmten Schlag,
keine Chance, kein Entrinnen, mach’ mal keine Welle!
Es ist der letzte, dieser heut’ge Tag,
irgendwer tritt schon an Deine Stelle.
Jetzt gehst Du über Gottes größte Brücke
und füllst dann drüben eine weit’re Lücke.

 

Dichter/in: Annegret Cordes

Zeitlos

Lange lag ich auf der harten Brücke
und starrte durch die Bohlenlücke.
Und sah, trotz jeder sanften Welle
blieb doch mein Treibgut an derselben Stelle.
Die Zeit blieb stehn, es schwieg der Tag
fernab von aller Uhren Schlag.

 

 

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