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Blinder Frieden?

Eine Replik auf Enzensbergers »Nachschrift zum Irak-Krieg«
von Guy Néchois  

-- Link zu Enzensbergers Artikel --

Marburg, 15.04.2003  

    Welche Überheblichkeit treibt Herrn H. M. Enzensberger (im F.A.Z.-Feuilleton vom 15.04.03, Heft Nr. 89, S. 39) dazu, abertausend engagierten Demonstranten fehlenden Mut zur Freiheit vorzuwerfen? Warum gilt seine Geringschätzung dem, was er verkürzt als Appeasement bezeichnet?
    „The truth is in the title“ meint Shayne Breen in ihrer Rezension von Keith Windschuttles „The Fabrication of Aboriginal History“. Gleiches gilt hier, wo der womöglich alternde und erblindende Enzensberger im Irak nichts als erblühende Freiheit und Demokratie sieht und also die Saat der neuen Besatzungsmächte uneingeschränkt preist.
    Es stellt sich folglich die Frage nach dem, was Enzensberger übersieht.

    1. Eine der wenigen tiefen Freuden, welche die Geschichte bereithält, ist der von William Seagle in seiner „Weltgeschichte des Rechts“ erkannte Umstand, daß die „Gesetze … den Millionär ebenso“ angehen „wie den Industriearbeiter, Bauern wie Städter, Kaufleute und Fabrikanten, die Presseunternehmer, Verleger, ja sogar Romanschriftsteller, Dichter und Biographen“. Enzensberger wird diese Aufzählung unschwer als eine Liste ohne Ende erkennen. Werden Recht und Gesetz gebrochen, wird dies aber nicht geahndet, kommt, wegen der Länge der Liste, bei kaum jemandem „triumphale Freude“ auf. Freuen können sich die, die dem Schwert der blinden Justitia entgangen sind.

    2. Darf man sich also mit ihnen freuen, oder darf man es nicht? Man darf – vorausgesetzt, Sitte, Moral oder Ethik lassen den Rechtsbruch und damit das geschriebene oder kraft Gewohnheit anwendbare Recht als zu streng und eng erkennen.
    Es ist nicht das erste Mal, daß völkerrechtliche Vereinbarungen gebrochen und Organisationen überflüssig werden. Etwa der Völkerbund, gutes und schlechtes Vorbild für die Vereinten Nationen, wurde schon lange vor 1939 übergangen. Wieder ließe sich eine lustige Liste basteln.

    3. Man muß freilich nicht jede Aufzählung gleich für bare Münze nehmen. Fest steht aber, daß sich die deutschen Demonstranten gerade gegen den aktuellen Irak-Krieg und eben nicht gegen „dreißig andere, oft weit grausamere Kriege in aller Welt“ mit ihren Parolen gerüstet und gewehrt haben. Fest steht auch, daß sie bei ideologisch Gleichgesinnten aus allen Bevölkerungsschichten und von jedweder politischen Couleur in Spanien, Frankreich, Italien, Australien, England, Rußland, Iran und den U.S.A. lauten Widerhall fanden. Auch diese Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Da liegt der Verdacht nahe, daß sich beim gemeinen Volk mehr rührte als blinder Wunsch nach Frieden.

    4. Wie oft – und wie folgenlos – ist es schon gesagt worden: Der Code der Politik ist weder mit dem der Moral noch dem des Rechts deckungsgleich. Manchen Schreiberlingen gelingt es nicht, diese Unterscheidung zu treffen. Ihre eigentümliche gedruckte Haltung geht einher mit einer Weitsichtigkeit, die Wunder nimmt. Der Krieg gegen den Irak ist offiziell (fast) beendet. Aber die Auseinandersetzungen mit Syrien haben offiziell erst begonnen. Und auch die Liste der Staaten, denen man die Demokratie bringen will ist lang. Abgedruckt sind Teile davon in der „National Security Strategy“ des Weißen Hauses oder in „War over Iraq“ von Lawrence F. Kaplan und William Kristol. Die Autoren geben Anlaß für noch eine Liste: Paul Wolfowitz, Gary Schmitt, Robert Kagan, Condoleezza Rice, George Bush, George Walker Bush und so fort. America bless God!

    5. Ein frommerer Wunsch als der nach der größtmöglichen Demokratisierung der Welt ist es, multilaterale Konflikte auf der Bühne des Völkerrechts und der Völkergemeinschaft bereinigen zu wollen. Dieser Wunsch ist Vater der UN-Charta.
    Man kann aber fest damit rechnen, daß jedes Problem, das in solchen Fällen auftaucht, denen angelastet wird, die frühzeitig und öffentlich Bedenken geäußert haben. Selbst wenn gerade die zeitigen Sorgenrufe Grund dafür wären, „daß noch nie ein Krieg von solcher Dimension so wenige Opfer gefordert hat wie dieser“.

    6. Die Geringschätzung Enzensbergers gilt jedoch nicht dem Vertragsbruch, sondern den „Friedensbewegten“ und ihren Slogans – das bleibt erklärungsbedürftig. Müssen griffige Banner und eingängige Sprüchlein nicht erlaubt sein, wo sich die Kriegsbefürworter aller erdenklichen Medien und psychologischen Tricks bedienen, wo sie Informationen mit Hilfe von „embedded correspondents“ filtern und „Beweise“ aus der Abschlußarbeit eines jungen Politikwissenschaftlers abschreiben (vgl. F.A.Z. vom 08.02.03)?
    Halten wir Enzensberger zugute, daß auch in seiner Brust Gut und Böse wohnen. Übertroffen wird beides nur von einer Realitätsverweigerung, die neben der politischen und der moralischen eine notwendige dritte Kategorie übersieht, nämlich gewachsenes Recht und Gerechtigkeit.

Guy Néchois, 15. April 2003, in Antwort auf H. M. E.

 
 

 

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